Je mehr ich über LinkedIn lerne, desto mehr muss ich an den guten alten Bröckling denken (Ulrich, nicht Brockhaus). 2007, kurz nachdem LinkedIn an den Start ging, schreibt er seine Neoliberalismuskritik: „Das unternehmerische Selbst“. Darin geht es um den Menschen, der sich selbst wie ein kleines Unternehmen führt, sich vermarktet, optimiert, inszeniert.

Bröckling schreibt:

„Die Anrufungen des unternehmerischen Selbst sind totalitär. Ökonomischer Imperativ und ökonomischer Imperialismus fallen darin zusammen. Nichts soll dem Gebot der permanenten Selbstverbesserung im Zeichen des Marktes entgehen. Keine Lebensäußerung, deren Nutzen nicht maximiert, keine Entscheidung, die nicht optimiert, kein Begehren, das nicht kommodifiziert werden könnte. Selbst der Einspruch, die Verweigerung, die Regelverletzung lassen sich in Programme gießen, die Wettbewerbsvorteile versprechen.“

Ich muss hier nur ein bisschen auf der LinkedIn scrollen, um zu erkennen was er meint: Selbst Zweifel, Brüche, Krisen – alles wird in etwas Verwertbares verwandelt. Selbstkritik wird zur Content-Strategie. Authentizität zum KPI.

Ich frage mich: Brauchen wir das wirklich? Nützt uns das?

In dieser Logik ist selbst Kritik paradox. Bröckling schreibt weiter:

„Die Programme fordern Distinktion statt Konformität, Überschreitung statt Regelbefolgung, kurzum: sie fordern, anders zu sein. Kritik steht damit vor der nicht minder paradoxen Aufgabe, anders anders zu sein.“