Warum es uns nützt, vermeintlich sinnlose Dinge zu tun und was Erving Goffman damit zu tun hat.

Gerade eben habe ich mir für einen meiner Blogbeiträge die Metadaten überlegt. Es geht um Gedichte, die ich einfach so geschrieben habe. Ohne Grund. Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich das kann. Ich kann. Aber wie bewirbt man bitte Gedichte auf einem Blog? Ich habe geschrieben: “Wann hast du zuletzt etwas völlig Sinnloses gemacht? Lies meine Gedichte.” 

In einer Gegenwart, in der privates und öffentliches Ich immer stärker miteinander verschmelzen, in der wir authentisch sein sollen, egal in welchem Lebensbereich, benötigt unser Selbst einen Raum, der sich dieser Logik entzieht – so meine These. So wie wir schlafen, um uns vom Wachzustand zu erholen, brauchen wir zunehmend die Sinnlosigkeit, um uns einen geschützten Raum für uns selbst zu schaffen.

Goffmans Vorderbühne und Hinterbühne

Bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschreibt der Soziologe Erving Goffman unser Leben in sozialen Gemeinschaften mit den Begriffen „Vorderbühne“ und “Hinterbühne”. Die Vorderbühne ist dabei meistens unser berufliches Ich, unsere Rolle, der wir entsprechen müssen. Auf den Hinterbühnen bereiten wir uns auf diese Rollen vor und arbeiten an deren Perfektion und erholen uns auch von unserer Performance auf der Vorderbühne. 

In einer Zeit, in der zunehmend Authentizität auch im beruflichen Kontext gefordert wird, verschwimmen Goffmans Bühnen immer stärker miteinander. Wir kuratieren unsere privaten Wohnzimmer, um einen kontrolliert authentischen Hintergrund für die Videokonferenz zu haben. Wir kokettieren öffentlich mit unseren (sozial akzeptierten) Fehlbarkeiten, um individuell rüberzukommen. Wir tragen rote Socken zum Anzug, um als Persönlichkeiten wahrgenommen zu werden. 

Authentizität wird zur hoch kontrollierten Vorderbühnenleistung

Aber je stärker Authentizität gesellschaftlich gefordert wird, desto intensiver wird das Selbst kontrolliert. Authentizität wird zur hoch kontrollierten Vorderbühnenleistung.

Um diese Dauersteuerung auszuhalten, braucht es Räume und Tätigkeiten, die sich der Verwertungs-, Sinn- und Performanzlogik entziehen.

Sinnlosigkeit kann hier eine Schutzstrategie des Selbst sein. In einer Kultur, die uns pausenlos fragt: ‚What’s the point?‘, wird das bewusste ‚Es gibt keinen Punkt‘ zur kleinen Rebellion.

Scheinbar sinnlose, also in der Logik der Authentizität nicht verwertbare, Tätigkeiten schaffen uns die notwendigen Ruheräume. Gedichte schreiben, selbstbewusst in der Hängematte schaukeln oder Essays schreiben, die keiner liest.

Ohne Ruhezonen bröckelt unser Schauspiel

Ich vertrete sogar die These, dass wir, wenn wir uns diese nötigen Ruheräume nicht aktiv verschaffen, in anderer Form ausbrechen. Zum Beispiel, indem wir die schlechteste Version unseres Selbst zeitweise auf die Vorderbühne bringen und etwa andere in der Straßenbahn einfach aus schlechter Laune heraus anpöbeln. Ohne geschützte Hinterbühne, wird jede Bühne total.

Zwecklose Tätigkeiten werden Rückzugsräume

Gerade weil moderne Subjekte zur permanenten Selbstführung und Authentizitätsarbeit angehalten sind, gewinnen scheinbar zwecklose Tätigkeiten eine neue Bedeutung. Sie fungieren als Rückzugsräume, in denen das Selbst nicht dargestellt, optimiert oder erklärt werden muss. Damit wird das Sinnloseste, was wir tun können, das einzig Sinnvolle.