Über resonante und nicht-resonante Schöpfung
Die Frage, was Kunst ist, ist auch eine Wertfrage, aber anders. Ich will nicht über den Kunstbetrieb als solchen schreiben oder über bestimmte Werke. Ich frage mich eher, wie sich Kunst von alltäglichem schöpferischem Ausdruck unterscheiden lässt.
Kunst ist, was etwas in uns auslöst
Wir Menschen sind schöpferische Wesen. Ständig erschaffen wir Gegenstände, Ideen und drücken uns schöpferisch aus, zum Beispiel durch Tanz. Aber während sehr viele unserer Schöpfungen sich lau anfühlen und höchstens ein “schön” bei unseren Mitmenschen hervorrufen, lösen andere Werke eine Art Sturm oder sogar Orkan an Reaktionen aus. Innerlich wie äußerlich. Nicht zwingend bei vielen Menschen, aber sie tun es. Werke, die eine solche Wirkung entfalten können, sind für mich Kunst. Und das kann eine Kinderzeichnung sein.
Kunst ist, was Resonanz erzeugt
Richtig gute Kunst löst starke Emotionen, wilde Ideen und durchaus unerwartete körperliche Gefühle aus. Sie macht Herzklopfen, vernebelt oder klärt den Geist und eröffnet gedankliche Möglichkeiten, die vorher nicht da waren. Und wenn sie das lediglich bei ihrem Schöpfer tut, auch dann ist es Kunst, wie ich finde. Kunst ist also alles, was Resonanz erzeugt, bei wem auch immer.
Was ist keine Kunst?
Wann ist kreatives Schaffen keine Kunst? Das ist einfach. Wenn kreative Werke einzig dazu dienen, gefällig zu sein. Aber weder zum Schöpfer noch zum Rezipienten wirklich sprechen. Vieles, was wir Menschen in einem kreativen Prozess herstellen, ist schön anzusehen und erfreut das Auge. Es spricht uns an, aber es spricht nicht zu uns. Ist es deswegen weniger wert? Auf den ersten Blick vielleicht schon und wir sollten uns die Frage stellen, warum wir es dann überhaupt tun. Aber vielleicht ist es auch einfach so wie bei Licht und Dunkelheit. Ohne das eine, würden wir das andere nicht erkennen können. Und daraus speist sich ein Wert.
Auch Kinder können Kunst
Kinderkunst ist vielleicht ein gutes Beispiel. Wenn Kinder in ihrem gestalterischen Ausdruck frei sein dürfen und lediglich handwerkliche und technische Ratschläge bekommen, ist ihr Werk meist überraschend, bewegend und neu. Sobald ihnen gesagt wird, wie sie die Technik einsetzen sollen und was schön und was nicht schön ist, wird alles kraftlos und fad. Viele weichen als Erwachsene nicht mehr davon ab, was sich durch reproduktives Basteln oder Selfies mit drei Filtern ausdrückt.
Kunst wirkt körperlich
Und dann gibt es diese anderen Werke, die man nicht mehr vergisst und man weiß gar nicht warum. Kunst, die einen so radikal emotional und körperlich gefangen nimmt und mit sich reißen kann. Bilder, von denen man den Blick nicht mehr wenden kann, Installationen die den Herzschlag verändern, Musik die einen auf komplett neue Ideen bringt oder Texte, die ganz weit drinnen ein bisschen weh tun.
Kunst braucht Wahrheit
Aber wie lässt sich diese Wirkung auf den Schöpfer und den Rezipienten herstellen? Für mich hat es Ernest Hemingway auf den Punkt gebracht. Er soll gesagt haben, man solle nur Sätze schreiben, die wahr sind. Das lässt sich übertragen auf alle anderen Ausdrucksformen. Tanze, was du fühlst, nimm die Farben, die für dich stimmen, zeige die Filmszenen, die dich selbst mitreißen. Vermeide das, von dem du glaubst, dass es andere sehen, hören oder schmecken wollen. Es ist also die radikale Ehrlichkeit und Offenheit zu sich selbst und zum Publikum. Im Schöpfungsprozess und in der Darstellung. Weg von allem Selbstdarstellerischen, weg von jeder Beschönigung und von jeder Selbstlüge. Und das ist gar nicht so leicht. Aber es ist die Wahrheit, die uns Menschen bis ins Innerste trifft in unserer Welt der Fassaden und des Scheins. Wenn uns diese Echtheit gelingt, hat sie den größten Wert.
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